Etappe 35 – Bis in die Nacht

Etappe 35 – Bis in die Nacht

Geweckt durch den lieblichen Klang der Autobahn verließ ich heute schon recht früh meinen Schlafplatz und fuhr weiter in Richtung des Lake Michigan, den ich heute auf jeden Fall noch erreichen wollte. Ein Blick auf die Fahrradkarte verriet mir, dass wieder ein Großteil der Strecke auf einem Fahrradweg liegen würde. Das waren schon mal gute Neuigkeiten, um den Tag zu beginnen.

Super angenehm nicht in der prallen Sonne fahren müssen!

Nach ein paar Kilometern bog ich auf den perfekt ausgebauten Weg ab und kam so ziemlich schnell vorwärts. Da mein kleiner Vorrat an Proviant gestern zu Neige gegangen war, hielt ich kurz an einem riesigen Supermarkt, der direkt auf meinem Weg lag. Es gab dort weit über 30 Kassen und die Auswahl war echt überwältigend. Da kommen nur sehr wenige Supermärkte in Deutschland und Europa an diese Ausmaße heran.

Ich kaufte mir mein übliches Power-Food bestehend aus Nüssen, Bananen, Maiskolben und Donuts. Die Donuts hielten wie immer leider nicht sehr lange durch, was natürlich nur an der temperaturanfälligen Glasur lag!

Zurück auf dem Fahrradweg traf ich eine Frau auf ihrem Fahrrad, welche das lange Wochenende nutzte, um mal wieder eine kleine Tour zu unternehmen. Sie begleitete mich für ein kleines Stück und war sehr interessiert an meinem etwas ausgedehnteren Wochenendausflug. Sie ist mir in Erinnerung geblieben, da sie nicht nur die üblichen Fragen stellte, sondern wirklich an meiner Geschichte interessiert war. Nach kurzer Zeit drehte sie aber wieder um und ich hatte wieder Gelegenheit mich meinem, mittlerweile achten Hörspiel zu widmen.

Der Fahrradweg war schnurgerade bis ich ungefähr auf der Höhe von Chicago war. Ich hatte mich entschlossen die Stadt nicht zu besichtigen, da ich keine große Lust hatte einen Umweg zu machen und mir auch nicht durch den Verkehr in der Großstadt kämpfen wollte. Außerdem saß mir die Zeit ein wenig im Nacken und ich wusste nicht genau wie lange ich noch bis New York brauchen würde.

Ich fuhr also an Chicago vorbei, musste aber trotzdem meinen separierten Radweg verlassen und mich entlang einer Fahrradroute durch den Vorstadtjungle navigieren lassen. Irgendwo mittendrin überquerte ich die Grenze zu Indiana und ärgerte mich, dass es auch an dieser Grenze kein Schild gab, vor dem ich ein Foto hätte machen können. Ich musste meinen Plan, vor jedem Grenzschild eine Aufnahme zu machen, Abschied nehmen.

Nach einigen Kilometern neben und auf viel befahrenen Straßen begrüßte mich erneut ein perfekt aufgebauter Radweg und ich kam wieder zügiger vorwärts. Ich kam an einem Fahrradladen vorbei und ließ meine Reifen aufpumpen, da diese mittlerweile in recht kurzer Zeit ziemlich viel Luft verloren hatten. Die Besitzer des Ladens waren super hilfsbereit und ich bekam sogar einen frischen Smoothie umsonst. Außerdem erfuhr ich, dass ich auf einer sehr beliebten Strecke für Radreisende unterwegs war und so durfte ich mich in das Gästebuch eintragen. Gut zu wissen, dass ich also doch nicht der einzige Verrückte in dieser Gegend war.

Wie zur Bestätigung traf ich einige Kilometer später zwei Jungs auf ihren Bikes, die noch vollbepackter aussahen als ich. Die beiden waren zwar nicht auf dem Weg von Küste zu Küste, umrundeten aber immerhin den gesamten Lake Michigan. Wir tauschten uns ein wenig aus, schließlich hatte ich seit über 2000km keine anderen Radreisenden mehr getroffen.

Das letzte Stück auf dem Weg zum Ufer des Lake Michigan war recht schattig und ging gut von der Hand. Ich verließ nach insgesamt ca. 90km den Radweg und fuhr in den Indiana Dunes National Park. Großzügigerweise musste ich nur 3 Dollar Eintritt zahlen, wahrscheinlich hatte die Parkwächterin Mitleid mit mir.

Ich hatte eigentlich geplant auf dem Campingplatz im National Park zu übernachten, dieser war jedoch komplett voll. Das war zwar zu erwarten gewesen, aber ich habe es trotzdem versucht, da sich bis jetzt immer irgendwie eine Lösung finden ließ. Dieses Mal jedoch wurde ich abgewimmelt und hatte erst gar keine Chance auf den Campingplatz drauf zu kommen. Mir blieb also nicht anderes übrig, als noch den See und den Strand zu besichtigen und dann weiterzufahren.

Am Ufer angekommen war ich zugleich beeindruckt und erstaunt. Ich hatte noch nie solch einen riesigen See gesehen und war ziemlich beeindruckt, dass eigentlich kein wirklicher Unterschied zum Meer zu erkennen war. Gleichzeitig war dieser, doch recht schmale Strand, so unfassbar überfüllt, dass ich nicht länger als 5 Minuten geblieben bin. Von entspannter Erholungsatmosphäre war dort nicht viel zu spüren.

Irgendwo dahinten kann man bei klarer Sicht Chicago sehen.

Ich hatte immer noch das Problem, dass ich für diese Nacht noch keinen Campingplatz gefunden hatte. Einige Kilometer entfernt vom National Park gab es einen noch einen Campingplatz und ich machte mich auf den Weg dorthin.

Kurz vorm Ziel, aber noch mitten auf der Landstraße, merkte ich, dass mein Hinterreifen die vor ein paar Kilometern aufgefüllte Luft komplett verloren hatte. Das war also mein dritter platter Reifen auf dieser Tour. Ich fuhr noch mit letzter Luft in die nächste Haltebucht und eröffnete meine Reparaturwerkstatt. In 20 Minuten tauschte ich Vorder- und Hinterreifen und wechselte den Schlauch. Es hielten zwischendrin einige Leute und boten mir Hilfe an. Da zeigte sich mal wieder, dass die Amerikaner einfach wahnsinnig hilfsbereit sind.

Nach einer abgeschlossenen Reparatur in Rekordzeit, traf ich auf dem Campingplatz ein und musste feststellen, dass auch dieser komplett voll war. Ich rief also alle verbleibenden Plätze im Umkreis von Michigan City an und erfuhr, dass nur noch einer Plätze frei hatte. Google Maps prognostizierte eine Fahrt von fast 50 weiteren Kilometern mit fast 3 Stunden Fahrtzeit.

Es war bereits nach 18 Uhr und somit machte ich mich ohne zu zögern auf den Weg. Meine Stimmung war angesichts dieser Umstände doch noch recht gut und ich kam, unter Aufwendung einiger Kraftreserven, gut voran. Trotzdem konnte ich es jedoch nicht vermeiden ein gutes Stück im Dunkeln zurück legen zu müssen. Auf einer recht gut befahrenen Landstraße war das ziemlich unangenehm und ich holte alles an Lichtern und Reflektoren hervor, was ich dabei hatte.

Unfallfrei und völlig erschöpft kam ich um halb zehn an meinem endgültigen Ziel für heute an und traf zufällig noch einen Campingplatzmitarbeiter an. Man verzichtete nicht darauf mir noch den vollen Preis von etwas über 30 Dollar abzunehmen. Irgendwo in der hintersten Ecke des Platzes baute ich mein Zelt auf und war einfach nur noch froh ins Bett fallen zu können.  

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